Zimmermann auf der Walz in Tracht

Zimmermann Tracht – Handwerksgesellen auf Wanderschaft

Wer in Deutschland oder in anderen Ländern Europas unterwegs war, hat uns vielleicht schon einmal gesehen und sich dann gefragt, „wer oder was ist das denn?“. Wir sehen wirklich etwas exotisch aus, und wie in einem früheren Waldsee-Lehrbuch schon festgestellt wurde, sehen die Männer und Frauen in ihren meist schwarzen Anzügen und Hüten aus wie Cowboys. Die Rede ist hier von den Handwerksgesellen auf Wanderschaft, die sich mit den Arbeitstechniken anderer Menschen in fremden Regionen und Ländern vertraut machen und dem Gedanken der Völkerverständigung folgen.

Tatsächlich gehen auch heutzutage noch Gesellen traditioneller Handwerksberufe auf die „Walz“, wie die Wanderschaft im Volksmund heißt. Rund 600 Wandergesellen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind zur Zeit in Europa, aber auch auf anderen Kontinenten unterwegs. Im Gegensatz zur Vergangenheit, ist es den Wandergesellen und -gesellinnen heute freigestellt, wohin ihre „Reise“ führt.

Das Markenzeichen eines Gesellen auf der „Walz“ ist unsere Kluft, der das historische Vorbild der Arbeits- kleidung der Hamburger Schiffszimmerer zugrundeliegt. Zur Kluft gehören neben Schlaghose, Jackett und Weste auch eine Kopfbedeckung. Diese kann entweder ein Schlapphut, eine Melone oder ein Zylinder sein. Selbst die Anzahl der Knöpfe ist aus der Vergangenheit überliefert: Die sechs Knöpfe am Jackett symbolisieren die Sechs-Tage-Woche und die acht Knöpfe am Jackett den Acht-Stunden-Tag.

Nicht nur Zimmerer unterwegs

Im Gegensatz zur weitläufigen Meinung, dass nur Zimmerleute auf Wanderschaft gehen, ist es den Gesellen aller traditionellen Handwerksberufe möglich, auf die „Walz“ zu gehen. Die Farbe der Kluft orientiert sich am jeweiligen Handwerk. So ist die Kleidung der holzverarbeitenden Handwerke schwarz, die der metallbearbeitenden blau und die der steinverarbeitenden grau oder weiß.

Ursprung der „Walz“ im 13. und 14. Jahrhundert: Ihren Ursprung hat die „Walz“ im 13. und 14. Jahrhundert. Damals mußten alle Gesellen auf Wanderschaft gehen. Im Laufe der Zeit bildeten sich Gesellenvereinigungen, um für mehr Rechte zu kämpfen. Bezahlte zum Beispiel ein Meister den Lohn nicht, wurde von den Wandergesellen ein „Bann“ auf das betreffende Dorf gelegt, und kein Wandergeselle arbeitete mehr dort, bis die Schuld beglichen war. Mit dem Beginn der industriellen Revolution gegen Ende des 18. Jahrhunderts verlor die Wanderschaft ihre Bedeutung und die Zahl der Wandergesellen ging zurück. Gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurden vier „Schächte“ (Vereinigungen der Wandergesellen) neu gegründet und es zogen wieder vermehrt Gesellen in die Fremde. Vor etwa 20 Jahren folgten die Gründungen von zwei weiteren Schächten, in denen neben den Männern auch Frauen auf „Reise“ gehen. Neben den Gesellen der Schächte gibt es heute auch“Freireisende“, die ohne Schacht-Zugehörigkeit auf die „Walz“ gehen.

Einführung in die Wanderschaft

Entschließt sich ein Geselle, auf Wanderschaft zu gehen, verbreitet sich diese Nachricht durch verschiedene Kanäle sehr schnell unter den Wandergesellen. Und an den Tagen vor Beginn der „Walz“ kommen alle sich in der Nähe befindenden Wandergesellen in den Heimatort des „Neuen“, um mit ihm den Abschied vom „normalen“ Leben zu feiern und ihn in die „Walz“ einzuführen. Ein Wandergeselle, der den Neuling schon vorher kannte, begleitet ihn die ersten zwei Monate, um ihm alle Geheimnisse und die traditionellen Verhaltensregeln der Wanderschaft zu lehren.

Bannkreis von 50 Kilometern um den Heimatort

Während der mindestens zwei Jahre (traditionell 3 Jahre) und einen Tag dauernden Wanderschaft besteht für den Wandergesellen ein Bannkreis von 50 Kilometern um seinen Heimatort, den er nicht betreten darf. Am Tag des Beginns der Wanderschaft, nach verschiedenen geheimen Ritualen, muß er diesen Bannkreis ohne zurückzuschauen verlassen und darf erst wieder nach Ende der Wanderschaft zurückkehren.

Außerhalb dieses Bannkreises darf er gehen, wohin er will, um Arbeit, Verpflegung und Unterkunft in einem Handwerksbetrieb seines Berufes zu finden. Dabei darf er nur zu Fuß oder per Anhalter unterwegs sein. Sollte er einmal ohne Anstellung sein, kann er bei Bäcker- oder Metzgermeistern vorsprechen und um Wegzehrung bitten. Dies geschieht mit einem traditionellen Spruch, der mündlich von Wandergeselle zu Wandergeselle weitergegeben wird.

Die Aufenthaltsdauer an einem Ort ist ebenfalls beschränkt. Viele Gesellen folgen dem Leitspruch: Wenn der Nachbar dich nicht mehr grüßt und der Hund nicht mehr nach Dir bellt, ist es Zeit, weiterzuziehen“.

Die Anstrengungen der Wanderschaft lohnen sich meist für uns Wandergesellen, denn wir sind später als qualifizierte Handwerker sehr gefragt. Nicht umsonst werden die Wanderjahre als „Hochschule des Handwerks“ bezeichnet. Gesellen, die auf Wanderschaft waren, haben zahlreichen Meistern über die Schulter geschaut und so mannigfaltige Techniken erlernt, die einem ortsgebundenen Gesellen oft verborgen bleiben.